Receiver

Warum müssen es eigentlich immer Receiver sein? Alle Geräte, die ich bislang vorgestellt habe, waren Receiver. Und viele, die ich noch vorstellen werden, sind ebenfalls Receiver. Niemand würde heute noch auf die Idee kommen, eine Radio-Verstärker-Kombination ins Zentrum seiner Entertainment-Unit zu setzen. Trotzdem waren die besten, schönsten und gelungensten Hifi-Geräte der Goldenen Ära genau das (stimmt gar nicht, werden nun ein paar Leute einwerfen, die wirklichen Kathedralen der großen Hifi-Zeit waren die Bandmaschinen – da kann ich nicht widersprechen. Sie interessieren mich bloß nicht).

Wahrscheinlich sollte man zwei Ebenen trennen: Zum einen gibt es Gründe, warum der Receiver von den späten Sechzigern bis in die späten Siebziger so wichtig war, warum alle Firmen ihn gebaut und die Leute in der westlichen Welt ihn gekauft haben. Und dann gibt es die Anziehungskraft, die er heute hat: Wo die UKW-Frequenzen demnächst irgendwann abgeschaltet werden, und man Radio im Idealfall übers Internet hört.

Das Radio. Was war das Radio damals? Konkurrenzlos, würde ich als Nachgeborener mal vermuten. Schallplatten waren teuer. Und auch nicht so einfach zu bekommen, wenn sie weg waren, waren sie weg. Gab ja kein Discogs. Sondern nur Plattenbörsen. Und schlecht sortierte Secondhand-Läden. Oder lange Listen von Händlern, die man durchschauen musste, um zu finden, was man wollte – und oft wusste man gar nicht genau, was das sein konnte. Musik kannte man ja oft nur vom Hörensagen. Nicht vom Hören.

Radio also. Das lief. Mit einem Programm, das sehr anders war als heute. Zumindest in Deutschland. Pop gab es nicht. Oder nur selten. Das hieß dann „Musik für Junge Leute“, oder so. War es auch, weil Musik ein Generationending war, wahrscheinlich nicht vollständig. Aber sich stärker als heute. Erwachsene hörten Klassische Musik. Oder Jazz. Ich lasse Schlager mal außen vor. Und Pop war keine Radiomusik, außer man hörte die britischen oder amerikanischen Soldatensender. Leute, die viel Geld für einen Receiver ausgeben konnten, testeten ihn im Laden mit klassischer Musik. Es gab auch keine Privatsender. Nur die Öffentlich-Rechtlichen.

Aus dieser Situation speiste sich eine eigenartige Autorität des Radios. Generelle informationelle Mangelwirtschaft plus kultureller Erziehungsanspruch. So stelle ich mir das Radio der Sechziger in Deutschland vor. Vielleicht ist das ein Zerrbild, aber bestimmt nicht nur. Rundfunkredakteure, die es besser wissen. Die Respektspersonen waren.

All das findet sich in den Receivern wieder. Das zentrale Gerät der Anlage besorgte eben nicht nur die Verstärkung des Signals. Es verstärkte auch Signale, die schon als kulturell starke Botschaften auf den Weg in den Äther geschickt wurden.

Man könnte es sich natürlich auch einfach machen und sagen: das Radio war umsonst (von der Rundfunkgebühr einmal abgesehen) und einfach da. Aber ich glaube, so war es nicht. Das Radio schloss einen an die Welt an. Ich habe das in den Achtzigern in seinen Spätausläufern noch mitbekommen als ich als Junge vor meinem Radiowecker saß, den ich auf meinem Tisch hatte und stundenlang zuhörte. Einfach nur zuhörte. Später, als ich einen Cassettenrekorder hatte, habe ich dann auf Lieder zum Aufnehmen gewartet. Aber das war schon etwas anderes. Das war schon durch eine gewisse Aktivität geprägt. Aneignung. Der Receiver, oder das Steuergerät, wie es in Deutschland oft hieß, war ein Empfangsgerät. Es handelte vom reinen, schönen Zuhören.

Von heute aus gesehen, ist das gleichermaßen abschreckend wie verführerisch. Abschreckend, weil es natürlich allem Glück widerspricht, was unsere Medien heute bereithalten. Einfach nur zu konsumieren, empfinden wir heute doch als unbefriedigend. In den sozialen Netzwerken stellen wir uns unsere Medien über Empfehlungen der anderen zusammen, schauen dies an, lesen das, hören, was Leute hören, deren Urteil wir vertrauen. Dann kommentieren wir es, bewerten, geben unsere eigene Meinung dazu. Jeder, so wie er oder sie es will. Individuell, aktiv und selbstbestimmt. Auf die Autorität der alten Medien schaut man in diesem Zusammenhang doch eher mit Skepsis. Jeder Mediennutzer ist Zentrum seiner eigenen Welt. Hat seine eigene Spotify-Playliste. Sein eigenen Twitterzuträger und Facebookfreunde, die ihn mit Informationen versorgen, die dann ein spezielles Menü ergeben.

Da kann man es sich kaum vorstellen, wie die Welt einmal ausgesehen hat, als es nur drei Fernsehkanäle gab. Radiosender gab es mehr – aber auch nur, weil sich die Sendebereiche der öffentlich-rechtlichen Häuser an den meisten Punkten in Deutschland überschnitten – ansonsten waren die Sender doch recht ähnlich. Schlager im Ersten, Information plus alle mögliche Musik im Zweiten. Das Bildungsbürgertum im Dritten. Worauf also mit Sehnsucht schauen?
Ich kann mich an zwei Sendungen erinnern, die mir hängengeblieben sind. Ich bin in Bremen aufgewachsen, man konnte Radio Bremen aber auch den NDR hören. Einmal war ich krank und konnte nicht zur Schule, vielleicht zwei Wochen lang, Mitte der Achtziger. Und hörte Radio. Jeden Tag, am frühen Nachmittag, kam eine Jazzsendung, die in endlos vielen Teilen das Leben und Werk von Charles Mingus vorstellte. Alle Platten kamen vor. Ausführlich wurde aus seiner Autobiographie vorgelesen. Ich glaube, die Sendung hatte 20 Folgen zu je 55 Minuten (kann auch nur eine halbe Stunde gewesen sein). Ich habe wahrscheinlich nie wieder so viel beim Radiohören gelernt wie in diesen Stunden. Über Musik. Über Kultur. Über Respekt. Ich habe mir die Stücke, die gespielt wurden, in ein Notizbuch geschrieben, zusammen mit den Namen der Musiker, um Anhaltspunkte zum Weitersuchen zu haben. Das war toll und wichtig. Und lebte von der Autorität, mit der das Radio mir sagte: Das ist wichtig.

Die andere Sendung lief später. Von 22 Uhr bis Mitternacht lief auf NDR 2 der „Nachtclub“. Und im Nachtclub lief eine ähnliche Reihe: „Can – die Geschichte einer Gruppe“ hieß sie, oder so ähnlich. Auch über Wochen. Auch hier wurden alle Platten vorgestellt, es gab lange Interviews mit den Can-Mitgliedern, das ganze Szenario wurde aufgespannt.

Nicht, dass ich das unbedingt zurück haben möchte. Auch wenn ich mir natürlich ein Radioprogramm wünschen würde, das ähnlichen Mut zur Relevanzbehauptung hat wie diese Sendungen. Aber im Grunde braucht man das heute ja gar nicht mehr, wo man die Informationen selbst genauso gut und manchmal besser finden kann. Aber was die alten Receiver heute so attraktiv macht, ist bestimmt auch das: Den Schrecken, den Autorität immer auch in sich trägt, haben die Geräte abgestreift, und geblieben ist nichts als ihre Schönheit.

3 Gedanken zu “Receiver

  1. Moin Moin Tobias
    Vielen Dank für die sehr guten Berichte -Glückwunsch prima gemacht Deine Webseite und vorallem sehr gut formuliert das Ganze gefällt mir alte Receiver sind supercool
    Ich bin Jahrgang 1955 und schon in früher Kindheit begann mein Interesse für Radio,Musik,Verstärker ,Röhre etc. denn ging es mit den Transistoren los usw das Wort Hifi war noch nicht . etwa ab Ende der 70ger ruhte mein Hobby berufsbedingt bis 2010
    Nun bin ich rund 5 Jahre wieder am Start und widme dem alten Hobby mehr Zeit da im Ruhestand ,zum Glück hab ich nach langem hin und her probieren mit meist verschiedensten Vintage Geräten meine bis auf weiteres
    Wunschcombi zusammengestellt –hört sich gut an in meinen Ohren
    Das Herzstück ist ein Pioneer A-09 mit JBL 4312 vorgeschaltet können je nach Gusto verschiedene Vorstufen
    Pioneer C-21,Classe DR 5, MC-26, oder gerne auch der von dir beschriebene Sansui AU-777 MEINER IST allerdings der 777D egal das Hobby macht mir wieder riesig gute Laune in diesem Sinne schönen Abend und weiter NDR2 hören
    ps. viel Spass gabs Freitags Abend mit Dr.Jürgen Markus hahaha
    Grüsse aus Hamburg
    Walter

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  2. Hallo Tobias,
    danke,für diese wunderschön gestaltete Seite und die tollen Beschreibungen Receiver in Wort und Bild.
    Ich bin ebenfalls ein „Fan“ dieser Receiver Epochen (70er – 80er-mit Einschränkungen).
    Leider ist es fast nicht mehr möglich auf Grund der „Nostalgiewelle“ diese wunderschönen,wertig gefertigten und zu ihrer Zeit absolut innovativen (teilweise sind Konstruktionen aus der Militärtechnik übernommen worden) und durchaus komfortablen Geräte zu einem bezahlbarem Preis zu bekommen,Die meißten Verkäufer sehen die Preise zu denen einige dieser Geräte weggehen und vergessen das deren Werterhaltung und Weiterfunktion eine sehr umfangreiche und in jeglicher Form intensive Arbeit und Aufwand einer Revision nötig ist.Das diese bei vielen dieser Receiver nach 30-45 Jahren nötig ist versteht sich eigentlich von selbst.
    Ich bevorzuge auch lieber den Stereo Klang,brauche nicht unbedingt 5 , 7 oder 9.1,wer hat denn dafür die nötigen Räumlichkeiten oder die verständnisvollen Mitbewohner.
    Mein Mitgang an die moderne ist ein Harman Kardon AVR-630 von 2004 mit 19 Kilo eigentlich auch schon ein „Bolide“,das war mein zweiter Receiver den ich neu erworben habe.
    Aber in erster Linie machen mir Geräte aus dieser,meiner Jugendzeit Freude mit ihrer Technik,Klang und auch in ihrer Optik,keine „Plastikbomber“ wie ab den späten 80ern,Aluminium aus dem vollen gefräst und gedreht und innen kein „Luftraum“ sondern Konstruktion mit hochwertigen Metallteilen und für die „Ewigkeit“ gebaut.
    Keine konstruktionelle oder geplante Obsoleszenz !
    Ja die Bandmaschinen aus der Zeit sind nach 30-45 Jahren nicht einfach zu erhalten ,Ersatzteile ? und natürlich Fachleute ,selbst good-old-hifi macht keine Tapedecks mehr,zu aufwendig zu teuer und der Erfolg ist unsicher.
    Ich habe auch einige Tapedecks z.B. Akai GXC-760D,TEAC A-700,ein paar Sony´s und Onkyo´s und Plattenspieler Dual 621,Dual 1218,Technics SL-20,RFT Granat 227-2 aus den 70er und 80er die alle über diese Receiver laufen aber auch einen CD-Player: Cambridge Audio Azur 640C einen Mp3-Player: Cowon X5L oder auch einen Laptop zur Musikbearbeitung einfach phantastisch mit diesen Receivern und den passenden Lautsprechern,was da an Klangfülle und Spectrum mit allen Speichermedien alten oder modernen zu erreichen ist.Receiver : Onkyo TX-4500 , Pioneer SX-636 , Akai AA-1150 ,Yamaha CR-600 , RFT-RK 88 Sensit, mein erster 🙂 original 1984 lange darauf gespart.

    Danke,mit freundlichen Grüßen

    Klemens

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