Tandberg TR-2045

Jeder Sammler hat andere Gründe. Aber ein Bedürfnis, das alle teilen, ist der Wunsch, einen kleinen Teil der Welt zu überschauen und zu ordnen. Sich mit diesem Teil der Welt zu beschäftigen, eine Expertise über ihn zu entwickeln. Und aus dieser Kenntnis eine Ordnung ableiten. Jeder Sammler kennt dieses Gefühl. So ist es auch bei alten HiFi-Geräten. In meinem Fall kommt aber noch etwas hinzu: Für mich heißt sammeln immer auch, eine Karte zu zeichnen. Das ist nicht metaphorisch gemeint. Ich liebe den Soul der Sechziger und Siebziger – da ging es immer um Städte. Songs aus Memphis klangen anders als aus Philadelphia. Songs aus Detroit anders als aus Chicago. Songs aus New York anders als aus New Orleans. So habe ich meine gedankliche Landkarte der USA mit Klängen und Geschichten gefüllt. Das gleiche mit elektronischer Musik. House aus dem Chicago der späten Achtziger, Techno aus dem Detroit der frühen Neunziger, House aus dem New York der frühen Neunziger. Techno aus Belgien. Minimal Techno aus Köln. Minimal House aus Berlin. Techno aus Berlin. Musik hat Städten (und bestimmten Jahren in diesen Städten) Klänge verliehen. Bis heute. Mit Jena verbinde ich bestimmte Platten. Mit Leipzig, Dresden, München, Offenbach, Hamburg. Ich habe sie bei mir zu Hause stehen und bilde mir ein, dass ich nicht nur Musik höre, wenn ich sie auflege, sondern dass ich auch etwas über die Welt erfahre.

Auch über HiFi-Firmen ließe sich so eine Karte erstellen, viele deutsche Städte haben sich in diese Geschichte eingetragen. Genauso amerikanische Firmen, und japanische – wobei sich für mich mit den unterschiedlichen japanischen Städten keine unterschiedliche Geschichte verbindet, dazu weiß ich zu wenig über das Land. Bang & Olufsen stünde für Dänemark und das dänische Design – und Tandberg für Norwegen und die norwegische Hauptstadt Oslo.

Dort kommt die Firma her, bevor ich das erste Mal einen Tandberg Receiver gesehen habe, wusste ich gar nicht, dass es dort überhaupt einmal eine HiFi-Industrie gegeben hat. Ist aber so. Und Tandberg ist eines der interessanten Unternehmen. Hier wird die Geschichte erzählt. Kurz zusammengefasst: 1933 wurde Tandberg als Radio-Hersteller gegründet, das scheint einigermaßen gut gelaufen zu sein, die Firma kam damit in die Fünfziger, erweiterte ihre Kapazitäten in das neue Tonband-Geschäft und begann Bandgeräte zu entwickeln – womit sie sehr erfolgreich war, auch international, es heißt, John F. Kennedy habe Tandberg-Geräte im Situation Room des Weißen Hauses gehabt. Ende der Sechziger begann Tandberg dann auch Fernsehgeräte herzustellen. Wie für viele europäische Hersteller auch kam die Firma in den Siebzigern in Probleme, 1978 ging sie pleite, wurde neugegründet, und fing in den Achtzigern an, Speichertechologie für das neue Computerzeitalter herzustellen, was von heute aus ungewöhnlicher klingt, als es damals war, Tonband war damals ein beliebtes Datenspeichermedium. Dann expandierte Tandberg ins Telefongeräte-Geschäft – und schließlich ins IT-Business. 2009 wurden sie von Cisco gekauft. Zu dem Zeitpunkt machten sie alle möglichen Sachen, vor allem Video-Konferenztechnologie.

Superinteressant, eine dieser erfolgreichen skandinavischen Hightech-Firmen, innovativ und anpassungsfähig. Aus Vintage-HiFi-Sicht ist allerdings nur ein kleiner Ausschnitt dieser großen Geschichte wichtig: die Siebziger. Und für mich, der sich nicht für Bandmaschinen interessiert, lässt es sich noch weiter eingrenzen: die Receiver, die Tandberg Mitte bis Ende der Siebziger baute. Wie der Tandberg TR-2045.

Tandberg TR-2045.8

Ich habe ihn bei Ebay Kleinanzeigen gekauft, er war wohl im Familienbesitz des Verkäufers, ist auch sehr gut erhalten.

Tandberg TR-2045.8

Tandberg TR-2045.8

Da ich kein wirkliches Bild von Norwegen in meinem Kopf habe – das erste, an was ich bei „Oslo“ denke, ist der Sound der ECM-Aufnahmen, die Manfred Eicher dort seit vielen Jahren machen lässt, diese Idee von Jazz als Kammermusik, die Klarheit und Coolness dieser Musik. Da ist es natürlich sehr interessant, dass der Jazzmusiker Peter Opsvik eine Weile lang Chefdesigner bei Tandberg war, von 1965 bis 1970. Das ist zwar noch vor den Geräten, die mein Herz erwärmen, aber die gestalterische Linie wurde damals festgelegt. Opsviks bekanntestes Produkt ist der Tripp-Trapp-Kinderstuhl von Stokke. Haben wir zwei davon, sitzen unsere Kinder drauf.

Tandberg TR-2045.8

Tandberg TR-2045.8

Tandberg TR-2045.8

Es heißt, die Tandberg-Skalen hätten das schönste Blau der gesamten Hifi-Geschichte, das mag sein, interessiert mich aber nicht so, wie auch bei Marantz schon nicht. Was mein Herz aufgehen lässt, sind die Skalen in Bernstein. Wunderschön.Auf einer Hifiseite ist vermerkt, dass Tandberg für seine Gehäuse gerne besonders wild flammende Holzfurniere benutzt habe. Finde ich auch toll. Setzt einen wunderschönen Kontrast zur Einfachheit des restlichen Aufbaus. Hat mein Gerät leider nicht. Mein TR-2045 hat ein schwarz lackiertes Gehäuse. Macht nichts. Ist das Zweitgerät. Auf einen TR-2080 mit Holzgehäuse warte ich allerdings. Ich habe Zeit.

Tandberg TR-2045.8

Tandberg TR-2045.8

Technische Daten hier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s